Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass Gesundheit und Krankheit nicht nur biologische, sondern immer auch soziale und geistige Aspekte haben, also gleichzeitig zu Natur und Kultur gehören und nicht auf eindimensionale Betrachtungen aus biomedizinischer bzw. psychologischer oder soziologischer Perspektive reduziert werden können.
Aus dem Blickwinkel der Kulturwissenschaften betrachtet sind Gesundheit und Krankheit gesellschaftliche Konstrukte und kulturelle Praxis vor dem Hintergrund kulturgebundener Deutungsmuster. Kulturwissenschaften beschäftigen sich aber nicht nur aus einem theoretischen Interesse heraus mit unterschiedlichen kulturell geprägten Begriffen (Gesundheit, Krankheit, Heilung) – vielmehr leisten sie in praktischer Absicht einen Beitrag
a) zur Entwicklung einer an einem ganzheitlichen Menschenbild ausgerichteten integralen Heilkunde, die alle Kenntnisse und Erfahrungen zur Heilung und Gesunderhaltung berücksichtigt;
b) zur Entwicklung einer wissenschaftlichen und praktischen Kompetenz für den kulturellen Transfer fremdkultureller Heilkunde sowie c) zur Entwicklung einer transkulturellen Kompetenz für die Untersuchung und Behandlung fremdkultureller Patienten.
Trotz der weiter bestehenden Dominanz der Naturwissenschaften in der modernen Medizin hat sich in den letzten Jahren – mit dem beginnenden Paradigmenwechsel von einem biomedizinischen zu einem biopsychosozialen Verständnisansatz – zugleich eine „kommunikative Wende“ vollzogen, die insbesondere von Thure von Uexküll in seinen Beiträgen zur Psychosomatik und Medizinsemiotik eingeleitet wurde. Psychosomatik und Medizinsemiotik sind geeignete Herangehensweisen für die Analyse der Begegnung der Lebenswelten der Patienten und der Medizin.
Der ehemalige Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Viadrina, Prof. Dr. Hübinger, sah im Konzept des Studiengangs folgende Anknüpfungspunkte zu den Kulturwissenschaften:
„Sie liegen in den Bereichen der Medizinethik, der kulturwissenschaftlichen Reflexion zum Verhältnis Natur-Kultur und sie lassen sich vor allem mit dem Stichwort ‚Kommunikation’ begründen. Zur Reflexion und Schulung in den Bereichen Arzt-Patienten-Kommunikation und in der Betrachtung kulturell geprägten Verständnisses von Gesundheit und Krankheit etc. haben die Frankfurter Kulturwissenschaften in der Tat etwas beizutragen, was rein medizinisch und therapeutisch orientierte und informierte Weiterbildungen nicht zu leisten imstande sind. Die Kulturwissenschaftliche Fakultät und das Ethik-Zentrum an der EUV sind in diesem Sinne ein plausibler Standort für ein solches Projekt.“
Eine Verbindung von Komplementärmedizin und Kulturwissenschaften ergibt sich – nicht zuletzt – daraus, dass fast alle komplementärmedizinischen Ansätze in ihrer Entwicklungsgeschichte stärker dem humanistischen Konzept verpflichtet und näher an den Geisteswissenschaften sind als die moderne Schulmedizin. Im Verhältnis von Schulmedizin und Komplementärmedizin spielt – kulturwissenschaftlich betrachtet – eine große Rolle, dass beide Ansätze von einer fundamental unterschiedlichen Sichtweise auf den Patienten ausgehen.
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Denn es ist der größte Fehler bei der Behandlung der Krankheiten, dass Leib und Seele allzu sehr voneinander getrennt werden, wobei sie doch nicht getrennt werden können; aber das gerade übersehen die Ärzte, und darum entgehen ihnen so viele Krankheiten; sie sehen nämlich niemals das Ganze. Dem Ganzen sollten sie ihre Sorge zuwenden, denn dort, wo das Ganze sich übel befindet, kann unmöglich ein Teil gesund sein.
(Platon 427-347 v. Chr.)
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